ZUsammenKUNFT der Gemeinden 2026 in Spiez:
Wie sieht die Gemeinde im Jahr 2036 aus?
Präsentation hier verfügbar ![]()
Nicht alles selber machen, aber für alles Verantwortung tragen. An der Myni Gmeind ZUsammenKUNFT 2026 in Spiez haben rund 100 Gemeindevertretende gemeinsam ein Bild ihrer Zukunft entworfen, und es ist erstaunlich klar.

Rückblick
Am 19. August 2026 trafen sich im Lötschbergsaal in Spiez rund 100 engagierte Menschen aus Gemeinden, Verbänden, Verwaltung und Wirtschaft zur Myni Gmeind ZUsammenKUNFT der Gemeinden. Organisiert wurde der Anlass vom Verein Myni Gmeind in Zusammenarbeit mit dem Schweizerischen Gemeindeverband und der Digitalen Verwaltung Schweiz. Nach dem erfolgreichen Vorjahr war Spiez erneut Austragungsort, als Gastgemeinde und Themengeberin wirkte die Gemeinde Aesch ZH.
Unter dem Titel «Lebensraum Gemeinde in der Zukunft» stand eine Frage im Zentrum: Was macht eine Gemeinde in zehn Jahren wirklich zukunftsfähig, als Lebensraum, als Organisation und als Gemeinschaft? Wie sind Gemeinden 2036 organisiert, welche Rollen übernehmen Verwaltung, Politik und Bevölkerung, und was braucht es, damit Mitwirkung attraktiv, realistisch und wirkungsvoll bleibt?
Impulse, Begegnung und GemeindeWerkstatt
Eröffnet wurde der Tag mit Begrüssungen von Claudia Kratochvil-Hametner, Direktorin des Schweizerischen Gemeindeverbandes, Alexander Sollberger, Präsident von Myni Gmeind, und Jolanda Brunner, Gemeindepräsidentin von Spiez. Danach folgten zwei Impulsreferate, die sich auf überraschende Weise ergänzten: Beide drehten sich um die Frage, wie wir Probleme gemeinsam gut lösen.
Impuls 1: «Alles Leben ist Problemlösen»
André Guyer, Gemeindepräsident Aesch ZH
André Guyer, Gemeindepräsident der Gastgemeinde und langjähriger Leiter von Transformationsprogrammen in international tätigen Unternehmen, lieh sich den Titel seines Referats beim Philosophen Karl Popper. Seine These: Auch in der Gemeinde der Zukunft wird alles Leben Problemlösen sein. Das Wort «Problem» verstand er dabei nicht negativ, sondern als Einladung zum Nachdenken und zum Staunen darüber, warum etwas so ist, wie es ist. Mit Popper erinnerte er daran, dass jeder, der sich in die Politik einmischt, bereit sein muss, dazuzulernen und die eigenen Überzeugungen laufend zu hinterfragen.
Aus seiner Praxis kennt André Guyer zwei Hauptgründe, warum Vorhaben scheitern: Die Probleme sind zu wenig geklärt, und ihre Komplexität wird massiv unterschätzt. Beim ersten Punkt berief er sich auf den Mathematiker Georg Polya, dessen Denksystem mit einer einfachen Regel beginnt: das Problem verstehen. Wer keine Wohnung findet, kann dafür ganz unterschiedliche Gründe haben, und je nach Ursache braucht es eine ganz andere Lösung. In der Praxis, so André Guyer, gebe man sich oft zu schnell damit zufrieden, ein Problem erkannt zu haben, oder habe bereits eine Lösung, bevor das Problem überhaupt verstanden sei.
Wie schnell Komplexität explodiert, zeigte er am Beispiel des Handlungsreisenden: Wer 15 Städte auf dem kürzesten Weg besuchen will, steht bereits vor rund 43,6 Milliarden möglichen Routen, und mit jeder zusätzlichen Stadt wächst die Zahl so stark, dass kein Computer der Welt sie noch in vernünftiger Zeit durchrechnen kann. Zur Erheiterung des Saals rechnete er auch vor, wie viele Diskussionsgruppen sich aus den angemeldeten Behördenmitgliedern bilden liessen: etwa so viele, wie das Universum Sekunden alt ist. Wer den Apéro geniessen wolle, müsse sich also beschränken.
Die Botschaft dahinter: Die meisten praktischen Probleme lassen sich nicht einfach berechnen. Es braucht gesunden Menschenverstand, Urteilsvermögen, Kreativität, Erfahrung und Geduld, und die Bereitschaft, Lösungen zu akzeptieren, die nicht perfekt, aber gut genug sind. Sein pragmatischer Rat: die Komplexität eines Vorhabens zu Beginn radikal zu überschätzen. Aus einer geschätzten Stunde wird ein Tag, aus einem Tag ein Monat, aus einem Monat ein Jahr.
Die drei Impulse von André Guyer
- Leben ist Problemlösen.
- Das Problem verstehen, erst danach Lösungen evaluieren.
- Das Problem ist immer komplexer, als man denkt.
Impuls 2: «Voll auf die 12»
Rebecca Panian, Initiantin des Formats «Voll auf die 12»
Rebecca Panian stellte ein Format vor, das André Guyers Gedanken direkt in die Praxis überträgt: «Voll auf die 12». Die Idee ist so einfach wie mutig. Zwölf zufällig ausgeloste Menschen haben 90 Minuten Zeit, um gemeinsam eine einstimmige Lösung für ein gesellschaftliches oder lokales Problem zu finden. Sie moderieren sich selbst, das Publikum wird mehrfach einbezogen, und es gibt etwas zu gewinnen und zu verlieren.
Hinter dem Format steht die Überzeugung, dass Demokratie keine Selbstverständlichkeit ist und frischen Wind braucht, gerade in Zeiten, in denen sich viele Menschen ohnmächtig und von der Politik übergangen fühlen. «Voll auf die 12» gibt deshalb allen eine Stimme, nicht nur ausgewählten Fachleuten, und setzt bewusst auf gemeinsame Lösungsfindung statt auf Schlagabtausch. So soll auf spielerische Weise Lust auf Demokratie entstehen und Eigenverantwortung sowie Gemeinsinn gestärkt werden.
Für die Gemeinden war das ein spannender Denkanstoss, der direkt an die Werkstatt «Bevölkerung aktivieren» anknüpfte: Beteiligung gelingt dort, wo Menschen erleben, dass ihre Stimme zählt und gemeinsam etwas bewirkt. Mehr zum Format unter www.vollaufdie12.ch.
In der interaktiven Networking-Session lernten sich die Teilnehmenden in mehreren kurzen Runden kennen und kamen mit möglichst vielen anderen ins Gespräch. Erstmals gab es zudem für alle, die bereits am Vortag anreisten, ein gemeinsames Nachtessen mit Austausch und kleinem Rahmenprogramm.


Bild: Nadja Sutter / Schweizerischer Gemeindeverband
Am Nachmittag folgte das Herzstück: die GemeindeWerkstatt. Hier schauten die Teilnehmenden bewusst zehn Jahre voraus und bearbeiteten sieben zentrale Zukunftsfragen. Dabei ging es nicht um schöne Zukunftsbilder, sondern um ganz konkrete Fragen: Wo liegen heute die grössten Herausforderungen? Was funktioniert bereits? Und welche Aufgaben können Gemeinden künftig gemeinsam besser lösen? Zum Abschluss stellten die Gruppen ihre Lösungen im Plenum vor.
Moderiert wurde dieser Teil von Joachim Tillessen, Studiengangleiter an der Hochschule für Wirtschaft der Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW. Er hat die ZUsammenKUNFT von Beginn an wesentlich geprägt: Er entwickelte das Konzept des Anlasses mit, unterstützte die Organisation und half bei der Durchführung. Der Tag klang ab 16.00 Uhr mit Apéro und offenem Networking aus.
Die zentrale Erkenntnis
Obwohl die sieben Gruppen ganz unterschiedliche Themen bearbeiteten, vom Milizsystem bis zur künstlichen Intelligenz, kamen sie zu einem bemerkenswert einheitlichen Ergebnis.
«Die Gemeinde bleibt auch 2036 politisch verantwortlich und lokal verankert. Nähe zur Bevölkerung, Vertrauen und lokale Gestaltung sind ihr Kern. Spezialisierte, standardisierbare oder selten benötigte Leistungen dagegen bieten grosses Potenzial für Zusammenarbeit.»
Deutlich wurde: Zusammenarbeit ist kein Selbstzweck. Die entscheidende Frage lautet nicht mehr «Zusammenarbeit, ja oder nein?», sondern «Wo bringt sie tatsächlich Mehrwert?»
Sieben Werkstätten, sieben Blickwinkel
1 | Bevölkerung aktivieren
Themenverantwortlich: Beat Schneider, Gemeinde Wimmis
Ist eine schwach besuchte Gemeindeversammlung automatisch ein Problem? Diese Frage sorgte im Plenum für angeregte Diskussionen. Der eigentliche Engpass liegt woanders: Menschen müssen erkennen, warum ein kommunales Thema sie betrifft und dass ihre Mitwirkung etwas bewirkt. Frühere Enttäuschungen und wenig attraktive Formate bremsen.
Was hilft, sind spielerische und situationsgerechte Formate, eine professionelle und parteiunabhängige Kommunikation, eine frühe Einbindung und der Mix verschiedener Kanäle. Beat Schneider brachte es auf den Punkt: Das eine Wundermittel gibt es nicht. Das grösste Potenzial über die Gemeindegrenze hinaus sieht die Gruppe im Lernen voneinander, also Methoden, Apps und Erfahrungen übernehmen und an die eigene Situation anpassen.
2 | Gemeinde als sozialer Raum
Themenverantwortlich: Joel Singh, Crossiety
Individualisierung, Überalterung, Polarisierung, Filterblasen und schwindende Orte der Begegnung: Die Liste der Herausforderungen war lang. Doch die Gruppe kam zu einer überraschend optimistischen Erkenntnis: An Ideen mangelt es nicht, sondern an Strukturen und einer Kultur, die ihre Umsetzung erlaubt.
Vereine, Schulen, lokale Initiativen und digitale Communities sind die Anker des Zusammenlebens. Und die Gemeinde hat einen besonderen Trumpf: den physischen Raum vor Ort. Wo Menschen sich begegnen, entstehen Gemeinschaft und Identität. Die Gemeinde muss dabei nicht alles selbst organisieren, sondern Rahmen schaffen, Beziehungen pflegen und Initiativen pragmatisch unterstützen.
3 | Milizsystem 2036
Themenverantwortlich: Olivier Gerig, Gemeinde Münchenbuchsee
Steigende Belastung, dichte Sitzungskadenz, Einführung neuer Behördenmitglieder, Entschädigung, die Rolle der Parteien: Das Milizsystem steht unter Druck. Die vielleicht ehrlichste Erkenntnis des Tages kam aus dieser Gruppe: Das Milizsystem lässt sich nicht primär durch überkommunale Strukturen retten. Die entscheidenden Hebel liegen in der einzelnen Gemeinde, etwa bei Arbeitsweise, Rollen, Sitzungssystem und Entschädigung.
Gemeinsam anpacken lassen sich dagegen die Imagepflege des Milizsystems, die politische Bildung zusammen mit Schulen und der Erfahrungsaustausch zwischen Gemeinden.
4 | Service public aus Nutzersicht
Themenverantwortlich: Alice Zollinger, Myni Gmeind / Post
Die Diagnose war deutlich und wurde im Plenum bestätigt: Verwaltungen denken oft in Prozessen statt in Bedürfnissen. Dazu kommen unterschiedliche Erwartungen der Generationen und die Frage, wie digitale und physische Zugänge zusammenpassen.
Die Lösungsideen sind erfrischend konkret: Termine ausserhalb der klassischen Öffnungszeiten, ein Gemeinde-Kafi, ein Dorfstammtisch, die Dorfzeitung, der Austausch zwischen Generationen. Der Mensch-zu-Mensch-Kontakt bleibt wichtig, die Zukunft ist hybrid. Als klares Zusammenarbeitsprojekt nannte die Gruppe ein gemeinsames Bürgerportal, idealerweise über mehrere Gemeinden oder kantonal bereitgestellt.
5 | Organisation und Verwaltung 2036
Themenverantwortlich: Christian Gautschi, Gemeinde Stettlen
Fachkräftemangel, fehlende Stellvertretungen, kleine Pensen und zunehmende Spezialisierung: Wie bleibt eine Verwaltung da handlungsfähig? Die Antwort dieser Gruppe wurde zur prägnantesten Formulierung des ganzen Tages:
«Eine Verwaltung bleibt nicht dadurch handlungsfähig, dass sie alles selber macht, sondern indem sie ihre Kernaufgaben definiert, Stellvertretungen sichert und Kooperation verbindlich organisiert.»
Das grösste Potenzial liegt bei seltenen und spezialisierten Aufgaben wie Rechtsdienst, Datenschutz, Baukontrolle, Informatik, Beschaffung oder regionalen Springer-Pools. Politische und finanzielle Steuerung sowie der direkte Kontakt zur Bevölkerung bleiben bei der Gemeinde.
6 | KI im Jahr 2036
Themenverantwortlich: Lorenz Luder, Stadt Burgdorf
KI kann bereits heute viel: Protokolle unterstützen, Texte zusammenfassen, als «Co-Pilot» die Effizienz steigern. Gleichzeitig beschäftigen Datenschutz, die Korrektheit der Resultate, Cybersecurity, Anbieterabhängigkeit, Energiebedarf und die Ängste von Mitarbeitenden.
Die zentrale Einsicht der Gruppe: KI ist in erster Linie eine Organisationsfrage, keine Technologiefrage. Sie verstärkt bekannte Herausforderungen der Digitalisierung. Gemeinsam lassen sich Beschaffung, Betrieb, Schulung, Datenschutzabklärungen und Sammlungen von Anwendungsfällen organisieren. Die Verantwortung für den KI-Einsatz, die Ergebnisse und die Datenqualität bleibt jedoch bei der Gemeinde.
7 | Rollen und Verantwortlichkeiten klären
Themenverantwortlich: Tanja Brunner, Gemeinde Saanen
Unklare Zuständigkeiten und Entscheide auf der falschen Ebene kosten Zeit und Vertrauen. Die Gruppe diskutierte, wie Gemeinde, Kanton, Bund und interkommunale Strukturen ihre Aufgaben künftig verteilen sollen.

Ihr Fazit: Die Zukunft liegt weder in vollständiger Eigenständigkeit noch in maximaler Zentralisierung. Entscheidend ist die richtige Ebene für jede Aufgabe, verbunden mit klarer Verantwortung und Finanzierung. Politische und strategische Entscheide, die Ortsentwicklung, die lokale Infrastruktur und die Prioritätensetzung gehören weiterhin in die Gemeinde.
Make, Share, Buy: die Logik der Gemeinde 2036
Aus den Ergebnissen der sieben Werkstätten lässt sich eine einfache Orientierung ableiten:
- Make, also selbst behalten: politische Führung, strategische Entscheide, Gemeindeentwicklung, die Beziehung zur Bevölkerung sowie die Verantwortung für Leistungen, Daten und KI.
- Share, also gemeinsam organisieren: IT-Grundlagen, Bürgerportale, Datenschutz- und Rechtskompetenz, Baukontrolle, Beschaffung, regionale Personallösungen, Schulungen, politische Bildung und Beteiligungsmethoden.
- Buy, also extern beziehen: selten benötigte Spezialkompetenzen, technische Infrastruktur, Beratung und zeitlich begrenzte Zusatzkapazität.
Wichtig dabei: «Buy» heisst nicht, Verantwortung abzugeben. Auch bei gemeinsam oder extern erbrachten Leistungen bleibt die politische Verantwortung sichtbar bei der Gemeinde.
Die wichtigsten Erkenntnisse des Tages
- Gemeinden müssen ihre Kernaufgaben klarer definieren.
- Zusammenarbeit lohnt sich dort, wo Spezialisierung, Skalierung oder Standardisierung Vorteile bringen.
- Beteiligung funktioniert nur, wenn Menschen Sinn, Wirkung und Wertschätzung erleben.
- Zusammenhalt entsteht nicht allein digital, die physische Begegnung bleibt zentral.
- Das Milizsystem braucht vor allem lokale Reformen.
- Service public muss aus Sicht der Nutzenden gestaltet werden.
- KI und Digitalisierung sind primär Fragen von Organisation, Prozessen und Führung.
- Gemeinsame Lösungen brauchen klare Verantwortung, Finanzierung und Governance.
Fazit
Die ZUsammenKUNFT 2026 hat gezeigt: Die sieben Werkstätten haben nicht sieben getrennte Zukunftsbilder entworfen, sondern eine gemeinsame Haltung. Nähe lokal halten. Verantwortung klar halten. Kompetenzen bündeln. Technologie gemeinsam nutzen. Leistungen aus Sicht der Bevölkerung organisieren.
Die Gemeinde 2036 wird weniger daran gemessen, wie viel sie selbst produziert, sondern daran, wie gut sie Verantwortung, Leistungen und Zusammenarbeit organisiert. Für jede Gemeinde bleibt damit eine Leitfrage, die sich schon heute stellen lässt: Was müssen wir selbst verantworten, was sollten wir gemeinsam organisieren, und was müssen wir nicht mehr selbst produzieren?
Denn die Gemeinde der Zukunft entsteht nicht irgendwo. Sie entsteht dort, wo wir heute gemeinsam anfangen, sie zu gestalten.


Ein herzliches Dankeschön an alle Teilnehmenden, an die Referentinnen und Referenten, an die Gemeinde Aesch ZH als Themengeberin, an die Gemeinde Spiez als Gastgeberin, an die sieben Themenverantwortlichen, an Joachim Tillessen von der FHNW für seine wertvolle Unterstützung sowie an den Schweizerischen Gemeindeverband und die Digitale Verwaltung Schweiz. Die Erkenntnisse fliessen in die weitere Arbeit von Myni Gmeind ein, und wir freuen uns bereits auf die nächste ZUsammenKUNFT.
Freundliche Grüsse
Das Organisationsteam des Vereines Myni Gmeind
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